Der „revolutionäre“ 1. Mai in Berlin-Kreuzberg, SO36!

Das MyFest! Strategie gegen Gewalt

In Berlin-Kreuzberg findet am 1. Mai im kleineren östlichen Ortsteil „SO36“ das sogenannte „MyFest“ statt. Dieses gibt es regelmäßig seit 2003 und wurde als Gegenstrategie der seit 1987 traditionellen und bekannten Straßenschlachten von Linksextremen gegen die Polizei ins Leben gerufen. Alle möglichen Menschen der Nachbarschaft und Gewerbetreibende stellen provisorische Verkaufsstände in den Straßen auf und verkaufen alle möglichen Köstlichkeiten. Die Luft ist getränkt von Kohle- und Biergeruch, die Straßen schon am Nachmittag gepflastert mit Müll und Glasscherben. 7 Bühnen laden zum Verweilen, Tanzen und Feiern ein.

Ein „Verkaufsstand“!

Die Stimmung ist ausgelassen, betrunken und fröhlich. Doch Plakate und von Häuser hängende Transparente mit der Aufschrift „Raus zum revolutionären 1. Mai“ lassen darauf schließen, dass es auch heuer wieder zur großen Maidemonstration kommen wird. Obwohl weder Ort noch Zeit erwähnt sind, weiß aus Tradition jede_r hier: 18.00, Oranienplatz.

„Raus, zum Revolutionären 1. Mai!“

Nach nachmittäglichem Verweilen beim MyFest, treffe auch ich gegen 18.00 beim Oranienplatz ein. Der Platz war bis zum Bärsten voll, auch Familien mit ihren Kindern sind gekommen. Ein plötzlicher lauter Krach lässt alle erschrecken, Bengalische Feuer wurden entzündet. Der stechende Rauch ist eine Herausforderung für Augen und Lunge.

Erinnerungen an 1987

Vor allem die Kinder haben mit dem Rauch zu kämpfen. Hier werde ich nun Zeuge, wie 2 der linken Schläger- und Schutzgruppe „Schwarzer Block“ ihre Sturmmasken vom Gesicht reißen und 2 Kindern vors Gesicht halten. Sie mokieren sich über die Dummheit, hier, neben Kindern und Familien bengalische Feuer zu zünden. „Ihr seid doch nicht ganz klar im Kopf. Hier sind Menschen die unsere Bewegung unterstützen, die wollen wir nicht verschrecken. Also zündet die Scheiße doch nicht hier, ihr Idioten!“, höre ich den Einen im tiefsten berlinerisch in Richtung der Träger der bengalischen Feuer rufen, während er das Kind beruhigt und tröstet.

Der Mob setzt sich in Bewegung. Gut eineinhalb Stunden demonstrieren wir friedlich und skandieren gegen Faschismus, Kapitalismus, Polizei und Rechtsextremismus in den Straßen Kreuzbergs und Neuköllns. Viele Menschen aller Altersschichten jubeln uns vom Straßenrand, von ihren Fenstern und Balkonen aus, zu. Manche machen aus roten Handtüchern rote Fahnen und winken uns mit ihnen frenetisch. Die Polizei, die laut Berliner Medien mit ingesamt  6.000 Beamt_en vertreten ist, ist bis jetzt eher passiv und begleitet den Demonstrationszug am Rande mit. Doch danach stoppen sie die Demo regelmäßig, oder die Straßen werden verengt, so dass maximal 3 Leute nebeneinander gehen können. Eine bewusste Provokation?

VIDEO: Der 1. Mai 1987

Die Situation eskaliert

Man spürte regelrecht das Knistern und die Anspannung. Als zwei Polizist_en auf eine Bushaltestelle klettern, um Überblick über die Anzahl kampfbereiter Demonstrant_en zu bekommen, war mir klar, dass die Demo nicht friedlich enden könne. Viele Familien haben die Anzeichen bereits verstanden und die Demo verlassen. Auch ich überlege kurz, entschließe mich jedoch bewusst weiterhin der immer noch friedlichen Demo beizuwohnen.

VIDEO: Als die Demo noch friedlich verlief

Wir biegen nun in die Wiener Straße ein und ich erkenne, dass die Polizei den Weg Richtung Görlitzer Tor gesperrt hat. Polizeibusse und Autos stehen quer über die Straße, davor mehrere Reihen Polizist_en. Der Demozug will ausweichen und biegt in den Spreewaldplatz ein, um eine Straße weiter die Demo fortsetzen zu können. Doch wie zu erwarten war, steht auch hier bereits die Polizei und hat alles abgeriegelt. Die Demo ist nun eingekesselt, der Weg in alle Richtungen gesperrt. An vorderster Front steht nun der schwarze Block Auge in Auge mit den Polizist_en, ich ca. 15 Meter dahinter, alles gut im Überblick. Der Boden ist mit Glasscherben und Müll der vielen Feiern des Tages übersät. Das ständige krachen und klirren von Glassplittern machte eine unheilvolle, gespenstische Stimmung.

Es fliegt der erste Stein

Man kann in der mittlerweile angebrochenen Dunkelheit Gerangel und wütende Schreie vernehmen. Und da fliegt plötzlich der erste Stein von der Seite in den Pulk der Polizist_en, niemand weiß er ihn geschossen hat, doch sicher niemand der an der Front stand. Ein dumpfes „Zugriff“ ertönte in der aufgeheizten Stimmung und schon geht es los. Während sich der schwarze Block mit der gut gerüsteten und gepanzerten Polizei prügelt, versuchen die noch anwesenden friedlichen Demonstrant_en nach hinten und auf die Seite auszuweichen, doch auch hinten steht Polizei und man kann nicht abschätzen, wie sie sich verhalten wird.
Wir sind eingeschlossen, das ist klar. Wenn die Polizei auch von hinten zu stürmen beginnt, wird es eng. „Ruhe bewahren ist nun das wichtigste, nur keine Panik aufkommen lassen“, denke ich mir. „Doch das allerwichtigste“, denke ich, „egal was passiert, keine Gewalt.“

Alle, die im Weg stehen, werden verhaftet

Die ersten werden verhaftet und mit unsanften Methoden abgeführt. Währenddessen kann ich erkennen wie ein gestolperter Polizist mit einer Fahnenstange traktiert wird, ein zweiter Polizist kommt ihm mit einem Pfefferspray zu Hilfe. Außer Gefecht gesetzt, wird der Demonstrant nun in den von Scherben gespickten Boden gedrückt, verprügelt und ebenfalls abgeführt.

Ein schwer Betrunkener mit seiner Freundin, wankt auf Englisch lallend der Polizei entgegen. Er gehört sicher keinen kampferprobten linken Schlägertruppen an.

Müll und Glasscherben bedecken das Pflaster

Er ist einfach zu besoffen um den Ernst der Lage erkennen zu können. Er stellt sich den Truppen, die schon wieder einen Widerständigen außer Gefecht gesetzt haben und nun abführen, ca. 5 Meter vor meinen Augen in den Weg. Da er sich nach mehreren Aufforderungen nicht entfernte, rissen ihn Polizeibeamt_e nieder und vier Polizisten kümmerten sich um ihn. Seine Freundin versucht ihn noch an der Aktion zu hindern, wird aber ebenfalls durch die Wucht des Zugriffs zu Boden geschleudert und bleibt in den Scherben liegen. Die Polizei tut so, als wäre sie nicht hier und drangsaliert weiterhin ihren Freund, der vor Schmerzen stöhnt.
Ihre Hände bluten und sie hat Schnittwunden an Stirn und Gesicht. Eine Demonstrantin und ich stürmen zu ihr und tragen sie aus der Gefahrenzone zum nächsten Rettungsposten, der sie versorgt. Sie ist geschockt und will weinend und schreiend zu ihrem Freund. Keine Chance, denn dieser wird gerade abgeführt. Die Demonstrantin, die mir geholfen hat sie aus dem Gefahrenbereich zu bringen, tröstet und beruhigt die junge Frau.

VIDEO: Die komplette Demo. Ab 1:40:00 eskaliert die Situation

Auch ich musste mich mit der Polizei „anlegen“!

Ich versuche im normalen Ton auf die Polizisten, die den verletzten Freund gerade abführen, einzureden und ihnen die Situation zu erklären. Aber wie konnte ich denn nur auf die Idee kommen, dass diese mir zuhören würden? Im abgesperrten Bereich hinter einer Gruppe Polizisten, die gerade Pause machen, stehen 2 Männer in Mänteln und unterhalten sich, während ein Dritter mit Funkgerät Anweisungen gibt. Es ist leicht zu erkennen, dass diese Menschen wohl von der Einsatzleitung sein müssen.

Ich gehe zu den pausierenden Polizisten und frage sie, ob ich mit einem der Herren sprechen könne. Sie verlangen nach einem Ausweis. Ich zeige ihnen meinen Führerschein, sie nehmen ihn mir weg mit den Worten: „Bekommste wieder, wenn du brav bist“. „Arschloch“, denke ich mir.

Ein Polizist holt einen der Männer hinter der Absperrung hervor. Ich stelle mich ihm vor, erkläre ihm die Situation rund um die junge Frau und bitte ihn darum, die verzweifelte und besorgte Frau zu ihrem Freund zu lassen. Ein kurzer Funkspruch, indem er anordnet nach dem Verhör beide mit dem gleichen Rettungsauto ins Krankenhaus zu fahren, folgt. Ich bedanke mich für sein Verständnis und hole mir wieder meinen Führerschein ab. „Sollste mal dein‘ Führerschein neu machen lassen, sind ooch schon paar Jährchen her“, höre ich diesmal. „Arschloch“ denke ich mir wieder, nehme den Führerschein, drehe mich um und laufe mit den guten Neuigkeiten zurück zum Rettungsauto.

Doch noch ein „Happy End“

Die verletzte Frau wird gerade im Rettungsauto verarztet, die Demonstrantin, die einstweilen bei ihr blieb, steht rauchend vor dem Rettungsauto. „Wie geht’s ihr?“, frage ich. „Schon besser, sie hat sich ein wenig beruhigt.“ Auch ich zünde mir nun eine Zigarette an, eine Wohltat für die strapazierten Nerven und erzähle ihr von dem Gespräch mit dem Einsatzkommando.
Währenddessen kommen auch schon zwei Polizisten, auch der eine, der mir den Führerschein entnommen hat, ist dabei. Sie klopfen an die Wagentür, der Sanitäter macht die Tür auf und sie teilen der jungen Frau mit, dass sie sie jetzt zu ihrem Freund bringen. „Sie spricht kein Deutsch“, antworten Jutta, so hieß die Demonstrantin und ich im Einklang. Der Polizist der mir den Führerschein entnommen hat, versucht sich nun in Englisch. Aber sein Englisch ist so schlecht, dass ihn die sichtlich geschockte junge Frau nur mit verquollenen, ängstlichen Augen anschauen kann und den Kopf schüttelt. Jutta übersetzt ihr den Inhalt in Englisch.

Wir gehen noch gemeinsam rüber zu dem zweiten Rettungsauto, dass an der anderen Straßenseite steht. Die Tür ist bewacht mit Polizist_en. Die Tür wird geöffnet und die junge Frau darf zu ihrem Freund.

Die Straßenkämpfe dauern an

Die Straßenkämpfe gingen einstweilen weiter. Ich habe genug von dem Tag und beschließe auf schnellstmöglichem Weg zurück in meine Unterkunft zu gehen, was gar nicht so einfach ist, da viele Straßen von der Polizei gesperrt sind.
Ich denke, dass man die Straßenschlacht verhindern hätte können. Provoziert haben natürlich beide Seiten und schon recht früh konnte man erkennen, dass alles auf diesen Straßenkampf hinauslaufen würde. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass sich Polizei und Schwarzer Block sogar auf die Auseinandersetzung gefreut haben. Fast schon so, als müsse man die seit 30 Jahren andauernde Tradition „erfolgreich“ weiterführen. Für die Einen ein Tag um auf ihre prekäre soziale Lage aufmerksam zu machen, für die Anderen der Tag, für den sie wahrscheinlich Monate hintrainiert haben.

Medienberichte äußerst fragwürdig!

Am nächsten Tag wird in den Berliner Medien über die friedlichsten 1. Mai-Feiern in Kreuzberg seit Jahren berichtet. Ein Umstand, der entweder auf gekaufte und verharmlosende Berliner Medien zurückzuführen ist, oder wirklich Hinweis dafür ist, in welchem Ausnahmezustand sich Kreuzberg SO36 jährlich in den letzten 30 Jahren am 1. Mai befunden hat.

Letztendlich ist der 1. Mai 2017 ein Tag, an den ich mich noch lange zurück erinnern werde.

EIN HOCH DEM 1. MAI!

3 Gedanken zu „Der „revolutionäre“ 1. Mai in Berlin-Kreuzberg, SO36!

  1. Lieber Patrick,

    irgendwie erschrecken mich diese Bilder. Die Aggressionen und Gewalt zeigt ein Bild welches mich betrübt. Ich habe ein gespaltenes Bild, denn einerseits zeigt es die Aussichtslosigkeit der Menschen, aber auch die Lust am Zusehen und dabei sein. Gewalt Voyeurismus?
    Aber du warst ein stiller Held, der geholfen hat. Das bist du. Daumen hoch, Nerijus

    • Lieber Nerijus! Kein Held, sondern meine Pflicht als Mensch.
      Genau dieses gespaltene Bild habe ich auch. Ich verstehe die Wut vieler, die oft keine Arbeit finden, oder Arbeit haben und davon ihre Miete nicht bezahlen können. In Kreuzberg sind davon von Jahr zu Jahr mehr betroffen, da hier die Mieten, aufgrund der guten Zentrumsnähe und dem Rückgang des sozialen Wohnbaus rasant in die Höhe schießen. Gleichzeitig ist das Durchschnittseinkommen in Kreuzberg mehr als unterdurchschnittlich. Daher kann ich viele Verstehen, die nichts zu verlieren haben und ihre Not in Gewalt ausdrücken.
      Gleichzeitig hat man aber auch gemerkt, dass sich mittlerweile schon ein Volkssport daraus entwickelt hat. Viele waren aber auch einfach nur dabei, damit man sich mal ein wenig prügeln kann, Polizei mit inbegriffen.

  2. Lieber Patrick,

    ich bin zu tiefst schockiert von diesen Ereignissen in unserem Nachbarland! Ich bin froh, dass es dir gut geht!
    Ich wollte dir nur sagen, dass du den Bericht echt toll beschrieben hast! Es war sehr spannend zu lesen und exzellent geschrieben!
    Weiterhin einen schönen Aufenthalt in Berlin.

    Lg Mani

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