Ein Mustang als Starthilfe in die Zukunft

Knapp 27% der litauischen Bevölkerung ist seit dem Jahr 1990 ausgewandert. Laut Statistik-Litauen wanderten letztes Jahr sogar rund 136 Menschen pro Kalendertag ab!

Mein letzter Beitrag dreht sich um Richards Leben. Er ist 29 Jahre alt und hat drei Jobs, … wie sehr viele junge Menschen hier in Litauen, wenn sich die Möglichkeit für sie ergibt.

Er jobbt Vollzeit in einem Büro als Projektassistent. Abends und an Wochenenden arbeitet er in einem Profi-Basketball-Verein und in seiner restlichen Freizeit kauft er Oldtimer auf, restauriert diese mit seinem Freund und verkauft sie wieder. Voller Stolz erzählt er mir, dass er letzte Woche einen „alten Amerikaner“ erstanden hat. Dieses „metallene Pferd“ will er dann in Deutschland verkaufen. Da sollten schon ein einige Euro mehr überbleiben als sonst.

Richard fasziniert mich, denn während unseres Gesprächs wird er ständig angerufen. „Drei Jobs eben“, sagt er und entschuldigt sich jedesmal sehr höflich. Ich frage, ob er sich etwas aufschreiben muss und biete ihm meine Schreibutensilien an. Lachend klopft er sich auf seinen Kopf und sagt, dass er sich nie etwas aufschreibe, denn er merke sich alles und wichtige Sachen kommen ohnehin per Mail.

Ich möchte von ihm wissen wie viel er im Monat verdiene und er zählt bereitwillig auf. Im Vollzeit-Job € 500,-, im Verein komme er mit Trinkgeld auf rund € 300,- und bei den Autoverkäufen bleiben seinem Freund und ihm immer wieder ein paar Hunderter über. Nun ja, wahrscheinlich komme er auf € 1000,- pro Monat, wenn alles gut läuft, aber alleine der Sprit für seine 3 Jobs kosten ihn € 180,-, manchmal sogar € 200,- pro Monat.

Aber er hat ganz andere Pläne, hat sich bereits alles durchgerechnet. Sein geerbtes, altes Haus ist zu weit von Vilnius entfernt. Der Treibstoff frisst zu viel vom Lohn auf. Eine Generalsanierung des Hauses ist sinnlos, denn in dieser Gegend gibt es keine Arbeit und ein Haus-Verkauf und Neukauf in Vilnius ist nicht leistbar und nicht möglich, denn im halben Haus wohnt die Mutter. Er wird auswandern, er und seine Freundin, aber nicht nach England oder Irland, wo bereits einige seiner Freunde leben, sondern nach Amerika. Er spare schon seit seinem ersten Job und lebe sehr sparsam. Ein entfernter Verwandter lebt seit über 15 Jahren dort und wird ihm und seiner Freundin helfen. „In Amerika ist ja alles möglich“, sagt er. Er möchte professionell Oldtimer restaurieren.

So wie Richard denken fast alle jungen Menschen mit denen ich in meinen bereits fast vier Wochen hier in Litauen in und um Vilnius gesprochen habe.

Hier die zwei wichtigsten Durchschnittswerte der Auswanderungsfreudigen: Alter 25 bis 35 Jahre. Über 80% der emigrierenden Bevölkerung haben eine gute bis sehr gute Ausbildung.

Sie verdienen zu wenig, die Lebenserhaltungskosten sind zu hoch und die Verlockung der Ferne enorm, denn Beispiele des Erfolgs strömen durch das Social-Media-Netzwerk im Highspeed-Modus. Die Misserfolge finden anscheinend keinen Platz im „heiligen“ Informationssystem, denn an der Geschwindigkeit würde es nicht scheitern.

In den 90´er Jahren des letzten Jahrhunderts lebten über 3,6 Millionen Menschen in Litauen. Jetzt sind nur mehr rund 2,8. Tendenz stark fallend. Asylsuchende wären ja willkommen, aber sie wollen alle nicht bleiben, da hilft auch keine europäische Quote.

Ich verabschiede mich von Richard und wünsche ihm von ganzem Herzen, dass seine Träume in Erfüllung gehen würden. Er wird es schaffen, seine Zielstrebigkeit ist erkennbar an seiner Wortwahl. Kein vielleicht, kein könnte, kein irgendwann. Er fliegt heuer im Sommer auf Besuch in die USA und bereitet für seine Freundin und ihn alles vor. Nächstes Jahr geht es los. Er wird vielleicht einer von 165 eines einzigen Kalendertages im Jahr 2018 sein.


Ich bin zu Tränen gerührt. Mein Staudamm an den Augenlidern hält noch, aber wie lange, denn ich habe Menschen kennengelernt, für die das Geben ein Teil des Ganzen, die Essenz des Lebens ist. Diese LitauerInnen haben mich zu tiefst im Inneren berührt. Großen Dank an, für euch Leserinnen und Leser, völlig unbekannte Menschen!

Aber die Präsenz nimmersatter Präpotenz, gepaart mit Machtspielen und Korruption sind ebenfalls spürbar. Es fühlt sich an wie ein ungerechter Krieg, bei welchem eine Seite gar nicht weiß, dass sie sich im Krieg befindet. Aber mehr über den Überlebenskampf der Gewerkschaften im nächsten Live-Beitrag bei der Präsentation des Europa-Praktikums!


Ich verabschiede mich von Litauen und bin froh, dass mein uralter Drahtesel mich so pannenfrei durch ganz Vilnius begleitet hat.

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