„Ich gründe eine Gewerkschaft in meiner Firma“

In Litauen ist das möglich, wenn …

…ja, wenn …

Aber langsam. Zuerst ein wenig Grundsätzliches:
Eine Betriebsgewerkschaft ist die erste Stufe der gewerkschaftlichen Struktur und kann von allen ArbeitnehmerInnen in Betrieben gegründet werden (man darf auch mehrere Gewerkschaften in einem Betrieb gründen). Danach können diese in Fachgewerkschaften oder regionale Gewerkschafts-Organisationen integriert werden (derer gibt es 27 im ganzen Land), aber nur wenn die Betriebsgewerkschaften es wollen. Wenn nicht, dann bleiben sie eine eigenständige Gewerkschaft. Dies ist alles gesetzlich geregelt, aber auch noch mehr, denn wenn man den Job verliert darf man kein Mitglied einer Gewerkschaft sein, da die Mitgliedschaft nur auf der Betriebsebene Gültigkeit hat.

Nur so nebenbei gesagt, es gibt ein Gewerkschaftsgesetz, sonst würde es nicht so laufen, wie es eben läuft! Und die Gewerkschaften waren damals, nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion, stolz darauf, dass sie es schafften ein §-Konzept für sich zu erringen!

Wo bleibt der Betriebsrat?

Betriebsräte gibt es auch, gesetzlich „angeordnet“, denn ab 20 MitarbeiterInnen muss der Betriebsinhaber sogar dafür sorgen. Weiters ist zu erwähnen, dass bei bestehen einer Gewerkschaft mindestens eine Person im BR sein muss. Wenn aber in einer Firma mehr als 30% der Belegschaft Gewerkschaftsmitglieder sind, dann darf kein BR gewählt werden.

Wie sieht es mit den Kollektivverträgen aus?

Kollektivverträge gibt es zwar, aber überwiegend nur auf betrieblicher Ebene (meiner Meinung nach somit Betriebsvereinbarungs-Status) und somit nicht in allen Firmen. Die KV´s werden von den Gewerkschaften verhandelt, wie bei uns. Aber es gibt eine Gesetzesänderung, welche ab 01.07.2017 in Kraft treten wird, welche besagt, dass die ausverhandelten Kollektivverträge nur mehr für Gewerkschaftsmitglieder gültig sein werden.

Klingt doch gut, oder? Somit werden alle Nicht-Mitglieder rasch Gewerkschaftsmitglieder werden.

Für mich zeigt sich ein anderes Bild, welches schmerzt, denn BR und Gewerkschaften sind in Litauen Gegenspieler und somit gewissermaßen Konkurrenten. Dies wirkt für mich wie ein gesetzlich angeordneter Konflikt in der Arbeitnehmerschaft.
Litauenweit sind nur knapp 8 Prozent der ArbeitnehmerInnen Mitglied in Gewerkschaften und eine Gewerkschaftsmitgliedschaft, welche geheim bleibt, gibt es nicht, denn dann wäre sie im gesetzlichen Sinne ja keine. Und wenn die verhandelten Kollektivverträge nur mehr für 8% aller Belegschaften Gültigkeit haben werden, wird der Mindestlohn, welcher zur Zeit für rund 25% aller Beschäftigten ausbezahlt wird, in Zukunft für immer mehr Prozente sorgen, nicht auf der Bank, sondern bei der Anzahl der Mindestlohn-BezieherInnen in Litauen. Mein Fazit? Ich gründe doch keine Gewerkschaft!

Es wird Gewinner und Verlierer geben. Der Gewinn der Einen wird es sein, dass die Anderen immer mehr werden!
Zitat: Nerijus, am 09.05.2017 um 23:39 in Vilnius


Wer trägt in Zukunft hier wen und wer trägt was?

 

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