Tag 9 – 1. Mai → Trotz Staatsfeiertag wird gearbeitet!

Hoch die internationale Solidarität.

Ja, der 1.Mai ist ein bedeutsamer Tag in der Geschichte der Arbeitnehmerbewegung. Leider sitzen wir schon seit 1919 auf derselben Stelle. Ich war begeistert, als ich in der Früh aus dem Fenster blickte und die Sonne mir ins Gesicht lächelte. Ein sehr spannender Tag für mich, da ich zum ersten Mal diesen wichtigen Tag in einem anderen Land verbringen durfte.

Zu bald, zu kalt! Besser spät als nie….

Da Erik sich gerade für eine Woche in Dubai befindet, war ich auf mich alleine gestellt. Es kostete mich ca. 2 Stunden, das Programm des Tages herauszufinden. Im Internet ist weder auf Deutsch noch auf Englisch etwas zu finden. Ich machte mich auf die Suche in Schwedisch. Von Österreich (Linz) bin ich es gewohnt, bald in der Früh aufzustehen um am Vormittag die Straßen entlang zu wandern. Zu meiner Verwirrung begann erst alles gegen Mittag. Es störte mich jedoch nicht, da es am Nachmittag viel wärmer war (11 Grad, später 13 Grad).

Einen Programmpunkt lies ich jedoch absichtlich aus. Zuerst in die Kirche zu gehen und später auf einem Friedhof einen Rosenkranz auf ein Grab zu legen und dabei Arbeiterlieder zu singen? Meiner Meinung nach hat die Kirche nichts mit einem Arbeitertag zu tun. Klar ist mir bewusst, dass viele an diesem Tag ihr Leben gaben aber den Tag der Arbeit auf einem Friedhof zu verbringen hielt ich nicht für angemessen.

Wo sind nur alle?

Ich ging gegen 11:00 Uhr los um die beschriebenen Plätze auf zu suchen. Zuerst steuerte ich den Platz der LO (Conference Centre) an. Niemand hier!? Die höffliche Dame, die mir einen Kaffee ausschenkte erzählte mir, dass die Leute gegen 14:00 Uhr eintreffen sollten. So beschloss ich andere Plätze zu suchen.

Ausnahmslos jedes Geschäft geöffnet…. 🙁

Drei Stunden irrte ich in Stockholm umher und begutachtete die Lage. Der 1. Mai („Första Maj“) ist in Schweden ebenso ein Staatsfeiertag wie in unserer Heimat. Entsetzen breitete sich in mir aus als ich feststellte, dass mehr Geschäfte offen hatten wie an einem Sonntag (Siehe Tag 8) und die Leute (auch während des Marsches) wie verrückt ihre Kleidung einkauften. Ja, ich denke die Arbeitgeber haben den Sinn von diesem Arbeitnehmerfeiertag noch nicht ganz verstanden! Es macht mich traurig zu sehen, dass die Geschichte so schnell vergessen wird und die Gegenwart etwas anderes darbietet.

Achtung liebe Österreicher: Bitte nicht nachmachen!!!!

Ach wie wunderlich, Kinder zauberten ein Lächeln in mein Gesicht… 🙂

Gegen 14:00 fand ich endlich den richtigen Platz! „Der Humlegarden“, den ich einen Tag zuvor schon besucht hatte (Siehe Tag 8). Ich finde es toll, wie die Schweden versuchen, den 1. Mai auch für Kinder attraktiv zu gestalten. Kinder konnten sich ihre Gesichter bemalen lassen oder auch selbst Plakate gestalten, die sie später mit Stolz präsentierten. Der Altersdurchschnitt wurde dadurch trotzdem nicht gesenkt. Rosen wurden verteilt und ich bekam von jeder Seite einen Flyer. Ich lehnte dankend ab und erklärte ihnen, dass ich ihre Sprache leider nicht verstehe.

Funktionäre-Schwund ist nicht gesund…

Zu meinem Erstaunen, waren die Kommunisten sehr stark vertreten, die Sozialdemokraten eher weniger. Auch die IF-Metall hatte wenige Anhänger und ich erkannte niemanden aus meinem derzeitigen Büro. Da ich nichts lesen konnte fragte ich einige Leute, wie der Ablauf nun erfolgen sollte. Jeder erzählte mir eine andere Geschichte. Ich entschloss, einfach bei der Organisation mitzugehen wo mein Herz am höchsten schlägt → der schwedischen PRO-GE → der IF-Metall.

„Völker, hört die Signale! Auf, zum letzten Gefecht!
Die Internationale erkämpft das Menschenrecht! …“

Als die Kapellen anfingen, die Internationale zu spielen konnte ich nicht untätig herum stehen und musste einfach mitsingen. Ohne Spaß, ich war die einzige! Nach einiger Zeit beobachtete ich eine ältere kleine Dame, die mit Tränen in den Augen mitsang. Ich ging zu ihr rüber und sang mit ihr. Zwar in der deutschen Sprache, aber bei den Wörtern „Signale“ und „Internationale“ kreuzten sich unsere Gesänge!

Der Marsch war 4 km lang und schlussendliche war die Endstation wieder der Platz gegenüber der LO. Der Präsident der Dachgewerkschaft → LO hielt hier seine Ansprache und zu meiner Begeisterung wurde alles synchron in der Gebärdensprache wiedergegeben. Eine Live Band trat zwischendurch immer wieder auf (natürlich in Schwedisch) und der Altersdurchschnitt wurde endlich wieder von Jugendlichen verjüngt.

Ich danke allen, die mir diesen Tag in einem anderen Land ermöglichten.

Sonnige, jedoch windige Grüße aus Stockholm,

Mani

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