Von den Toten und den Lebenden

Wer sich gerne sakrale Monumente vergrabener Leichen ansieht, eventuell noch berühmter Leichen und dafür auch gerne £ 4 ausgeben will, dem sei der Highgate Cemetery empfohlen. Wer wissen will, wie die Lebenden leben, wie sie denken, der schaue dort hin, wo die Menschen leben (u.a. die Umgebung des Highgate Cemetery).

Die Toten

Karl Marx (das echte Grab, nicht das groteske Monument). Was gibt es da noch viel zu schreiben? Außer: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ – Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1852, MEW 8, S. 11
 

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Die Lebenden

Wer nun den Highgate Cemetery besucht, der kommt nicht umhin, an einer etwas gehobeneren Siedlung vorbeizugehen. Eingezäunt und abgegrenzt. Man könnte scherzhalber denken, die Angst vor dem Gespenst, das Marx so sehr beschwor, ist noch nach seinem Tode so groß, dass sie auf Nummer sicher gehen wollen.

Aber wer sich nicht nur die Toten ansehen will, sondern die Lebenden, der darf sich nicht die Sehenswürdigkeiten ansehen. Sondern der schaue, wie die Menschen leben und arbeiten. Der schaue, wie sich die Wohnkasernen von Land zu Land gleichen. Wie vertraut einem doch alles vorkommt. Der schaue sich in Camden um (dort wo Highgate Cemetery liegt). Der gehe nach Westham, vor dem alle warnen „be really carefully“ – und trinke ein Bier mit den Menschen dort und rede mit ihnen (dazu aber ein anderes mal). Und dann schaue man sich nochmals die eingezäunten gehobeneren Siedlungen an. Und dann wird man mit Christian Dietrich Grabbe (keine durchaus unproblematische Figur der Geschichte) sagen:

„Fürchte du die Lebenden und nicht die Toten!“

 

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